Hochzeitstag

Hochzeitstag

„Ich habe doch gleich gesagt, dass wir über die Autobahn schneller zu Hause wären.“
„Landstraße sind weniger Kilometer.“, grummelte Martin zurück.
„Und außerdem war heute morgen das Umleitungsschild noch nicht da.“
Er versuchte Sandras Genörgel auszublenden.
Die Bauarbeiter würden die Straße wohl kaum heute Nacht noch aufreißen. Das gab ihm mindestens acht Stunden bis hier wirklich alles dicht wäre. Und er hatte auf keinen Fall vor, es noch so lange neben seiner Frau auszuhalten.
„Wehe wir müssen den ganzen Weg wieder zurück.“, war Sandra noch immer am Schimpfen.
„Dann kommen wir für das Kindermädchen zu spät und – Pass auf!“
Doch Martin stand schon mit seinem vollen Gewicht auf der Bremse. Die Reifen quietschten auf dem feuchten Asphalt.
Erst als er schon glaubte, dass sie es nicht mehr schaffen würden, kam das Auto endlich mit einem Ruck zum Stehen. Der Haltegurt hatte seinen Brustkorb tief eingeschnürt, doch erst jetzt wo er in seinen Sitz zurückgeworfen wurde, spürte er den brennenden Schmerz.
Schwer atmend saßen sie beide nebeneinander. Keiner sagte etwas.
Der Nieselregen trommelte leise auf die Karosserie.
Die Autoscheinwerfer beleuchteten einen umgestürzten Baumstamm, der quer über der Straße lag. Nur eine Handbreit vor der Windschutzscheibe wippten die Blätter eines dicken Astes sanft im Wind auf und ab.

„Ganz toll.“, sagte Sandra. „Nicht nur, dass es dir zu viel war dem Kellner ein Trinkgeld zu geben; jetzt bringst du uns an unserem Hochzeitstag auch noch beinahe um.“
In Martin explodierte etwas.
Er war es gewohnt viel über sich ergehen zu lassen. Einfach still zu sitzen und abzuschalten. Doch das war zu viel.
„Wenn du vielleicht mal für einen Moment den Mund halten würdest, dann könnte ich mich auch besser auf die Straße konzentrieren!“
Sandra verstummte tatsächlich.
Sie war Widerworte nicht gewohnt – schon gar nicht in einem solchen Ton.
„Hast du Julia vom Klavierunterricht abgeholt?“, äffte Martin seine Frau nach. „Fahr doch Timo noch zum Fußball. Und komm nicht wie immer wieder zu spät zum Essen,…“
Sie wusste gar nicht wie sehr sie Martin in letzter Zeit auf den Wecker ging. Nichts machte er in ihren Augen richtig und wenn doch, dann ging es ihr nicht schnell genug.
Die Idee, das traditionelle Essen an ihrem Hochzeitstag dieses Jahr abzusagen, war ihm schon mehrmals gekommen. Im Endeffekt war es ihm dann aber leichter erschienen einfach weiterhin einzustecken.
Doch jetzt reichte es.
Während er sich weiter in Rage redete zeichnete sich in Sandras Gesicht zuerst Überraschung ab. Danach folgte – für einen winzigen Augenblick nur – ein schuldbewusstes Funkeln in ihren Augen. Beinahe hätte es Martin verstummen lassen. Doch dann blähten sich ihre Nasenflügeln auf, wie sie es immer taten, wenn sie gleich wieder anfing an ihm herumzukritisieren.
Ihre vor Wut bebenden Lippen, die ihn einmal zu oft getadelt hatten, liesen Martins kurz aufgeflammte Reue verschwinden und er fuhr fort, ihr all die Dinge an den Kopf zu werfen, die er so sorgfältig in sich gesammelt hatte.

Mitten in ihrem Streit prallte etwas Schweres gegen die Fahrerseite ihres silbernen Familienvans.
Der Aufschlag lies die Karosserie ächzende Laute von sich geben und ein widerliches Kratzen bescherte Martin Gänsehaut auf den Armen.
Nicht das Auto, war sein erster Gedanke, bitte nicht das Auto.
Die Angst folgte erst mit der Erkenntnis, dass gerade ein weiterer Baum mitten auf ihnen gelandet sein musste.
Martin fixierten noch immer Sandras Gesicht und er konnte den Schreck darin sehen.
Als ein tiefes Grollen wie aus der Kehle eines Urtiers ertönte, weiteten sich Sandras Augen.
Sie sah an ihm vorbei und schrie. Schrie so schrill, dass Martin glaubte, sein Trommelfell würde platzen.
So schnell es der immer noch straffe Haltegurt erlaubte, drehte er sich im Autositz um. Er musste sich unbedingt den Schaden ansehen, der Sandra so viel Angst machte.
Mitten in der Bewegung erstarrte er.
Durch sein Seitenfenster sah er nicht die abgebrochenen Zweige eines weiteren Baumes.
Stattdessen blickte er in ein gelbes Auge. – Größer als sein eigener Kopf und mit geschlitzter Pupille.
Die hungrige Gier mit dem es ihn musterte versteifte seine Wirbelsäule und lies seine Muskeln verkrampfen. Sein gesamter Körper hatte den Fluchtmodus hochgefahren. Die einzige Ausnahme davon machte sein Gehirn, das verzweifelt danach schrie um jeden Preis stillzuhalten.

Dann ertönte erneut das Grollen und der schwarze Schlitz, durch den das Monster ihn ansah, bewegte sich rasch hin und her. Es schien verstanden zu haben, dass Sandra und Er essbar waren.
Das genügte um Martin aus seiner Starre zu befreien.
Schneller als jemals zuvor bewegten sich seine Arme und Beine. Keine Sekunde lies er das gelbe Monsterauge unbeobachtet.
Seine Finger fanden den Anlasser, seine Beine die Kupplung und das Gaspedal.
Das Auge des Monsters verschwand aus dem Fenster und es bäumte sich zu seiner vollen Größe auf. In der Dunkelheit konnte Martin nicht viel erkennen, doch die schuppige Haut und der Anblick eines lebenden Wesens, dass dreimal so hoch war wie der Van, war mehr als genug.
Er drehte den Schlüssel, gab Vollgas und lies die Kupplung kommen.
Abgewürgt.
Er schlug vor Wut mit der linken Faust auf das Lenkrad, während er es hastig erneut versuchte.
Das Auto gurgelte vor sich hin, weigerte sich vehement anzuspringen.
Sandras Fingernägel gruben tiefe Löcher in seinen Arm und raubten ihm das Gefühl in den Fingern.
Ein Aufblitzen in der Nacht. Die Klaue des Ungetüms, mit Krallen so lang wie ein menschlicher Unterarm, raste auf Martin zu.
In Zeitlupe durchschlug sie die Glasscheibe. Lies Splitter auf Martin herabregnen, die ihm einen winzigen Vorgeschmack auf das boten, was gleich mit seinem Körper geschehen würde.

Eine Explosion zeriss das Monster in eine Wolke aus blauem Schleim.
Martin konnte gerade noch rechtzeitig die Augen schließen, bevor sich der warme Glibber über seinem Gesicht verteilte.
Langsam rann er tiefer an seinem Körper herab.

Martin hatte keine Ahnung was gerade geschehen war.
Mit seinen zitternden Fingern wischte er sich die dicke Schleimschicht von den Augendeckeln und blinzelte ein paar Mal, bevor er schemenhafte Bilder erkennen konnte.
Neben ihrem, zu einem Großteil ebenfalls von dem blauem Glibber bedeckten Nissan, befanden sich nur noch die rauchenden Beine des schuppigen Monsters. Im Nieselregen zischten sie, jedes Mal wenn ein besonders großer Regentropfen auf sie fiel, leise auf.
Der Geruch von Schwefel und Angstschweiß mischte sich in Martins Nase mit dem beisenden Gestank von verkohltem Plastik.
Hufgetrappel kam näher und zwischen den dampfenden Überresten des Untiers, kam ein Pferd samt Reiter zum stehen. Der Mann beugte sich herunter bis er in das Auto sehen konnte und schnippte dann seinen Cowboy-Hut zurück. Darunter kam ein unrasiertes Männergesicht mit kantigem Kinn zum Vorschein.
„Alles in Ordnung da drinnen?“
Martin stand so unter Schock, dass er jegliche Erinnerung wie man Worte formte, verloren hatte.
Er konnte einfach nur nicken und seiner Kehle ein Geräusch entringen, mit dem er aufrichtige Dankbarkeit und Erleichterung ausdrücken wollte.
Dann gab es ein lautes Knacken und Martin blinzelte in grelles Scheinwerferlicht, das ihn Sternchen sehen lies.
„Cut.“, rief eine laute Stimme und der Cowboy stieß einen erleichterten Seufzer aus während er vom Pferd glitt.
Um sie herum war es nun beinahe taghell.
Ein kleiner Mann, mit riesigem Bierbauch und einem dampfenden Pappbecher in der Hand, kam mit schnellen Schritten auf Martins zerstörten Wagen zu. Währendessen verschwand der Cowboy, das Pferd hinter sich herziehend, zwischen den Schweinwerfern in die Dunkelheit.
„Großartig!“
Der kugelförmige Mann versuchte in die Hände zu klatschen und verschüttete dabei beinahe die Hälfte dessen, was in seinem Becher gewesen war.
„Das mit dem nicht anspringenden Wagen war einfach genial. Aber wenn sie das nächste Mal eine solche Idee haben, dann sprechen sie das vorher mit mir ab. Das hätte uns fast das Timing mit der Monsterexplosion versaut.“
Der fette Kerl hatte sich auf Martins Augenhöhe heruntergebückt, hielt aber vorsichtig Abstand vom Auto um nicht auch etwas von dem blauen Schleim abzubekommen.
„Für heute ist Schluss. Also können sie jetzt erst mal duschen gehen.“
Dabei zeigte der Kerl mit dem Daumen über die Schulter, wandte sich von ihnen ab und ging geschäftig zurück in die Richtung aus der er gekommen war.
Martin war so verdutzt, dass er einfach nur dasitzen konnte.
Sandra streckte schließlich ihre Hand in seine Richtung aus und betätigte den Scheibenwischer.
Der blaue Schleim hinterlies auf ihrer Windschutzscheibe einen schmierigen Film, aber sie konnten hindurchsehen.
Hinter dem umgestürzten Baumstamm waren ebenfalls Lichtmasten angegangen. Dutzende von Wohnwagen waren darunter geparkt. Die meisten hatten Bilder von Kameras auf die Seite gemalt oder trugen Schriftzüge bekannter Produktionsfirmen.
„Martin?“, fragte Sandra unsicher.
„Ja?“
„Ich liebe dich.“

von Dominik Altherr
https://dominikaltherr.wordpress.com/
E-Mail: dom.altherr@gmail.com

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Hochzeitstag – Dominik Altherr

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