Zweite Chancen – Leseprobe

Leseprobe:

1 

Die Gerüchte der anderen Lichtwesen schienen bei weitem übertrieben. Ich war bereits seit zwei Wochen für Alexander eingeteilt und in der ganzen Zeit hatte ich nur ein einziges Mal verhindern müssen, dass ihn ein Auto überfuhr.
Er war einfach nur ein gewöhnlicher Typ, der versuchte in der Politik mitzumischen. – Nicht unbedingt mein Lieblingscharakter, aber es gab Schlimmere.
Ich schwebte, wenige Zentimeter über dem Bahnsteig, näher an Alexander heran und hielt die Augen nach möglichen Gefahrenquellen offen. Eine Gruppe Kinder, vermutlich gerade eingeschult, wartete lärmend auf den Zug, der sie zu ihrem Wandertagsziel bringen würde. Die Lehrerin bemühte sich, die wild umherrennenden Kinder unter Kontrolle zu bekommen, doch ihre Stimme wurde vom Lärm der Klasse übertönt.
Ich konnte mich an nichts aus meinem früheren Leben erinnern, aber ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass ich keine eigenen Kinder gehabt hatte. Zumindest hoffte ich das um der Kinder willen. Als Mutter wäre ich sicher kein großer Hit gewesen.
Alexander wanderte mit dem Handy am Ohr den Bahnsteig auf und ab.
Wieder eines der langen Gespräche, in denen Richard ihn auf seinen nächsten öffentlichen Auftritt vorbereitete. Inzwischen war er schon zum zweiten Mal bis zum Ende des Bahnsteigs gelaufen und kam auf seinem Rückweg genau auf mich zu. Ich musste zugeben, dass ihn sein Äußeres tatsächlich entweder zum Politiker oder Filmstar machen könnte. Die kurzen schwarzen Haare, seine gepflegte Erscheinung und der sportliche Anzug ließen ihn gar nicht so schlecht aussehen.
„Nein, kein Kompromiss.“, sagte er ernst in das Handy. „Sag ihnen sie sollen ihr Einkaufszentrum nach Vorschrift bauen oder gar nicht.“
Plötzlich meldete sich mein Instinkt. Ein leichtes Zucken meines Verstands und ich wusste sofort, dass um mich herum gleich etwas Schlimmes passieren würde.
Ich fuhr herum und suchte den Bahnsteig ab. Ein paar Pendler auf dem Weg in die Stadt, Alexander und die Schulklasse. Niemand war nah genug an meiner Zielperson um ihm schaden zu können. Dann fiel mein Blick auf die Treppenstufen, die zur Unterführung unter den Gleisen führte, und ich entdeckte ein einzelnes Kind. Sein quadratischer Ranzen verriet mir, dass er zu der Schulklasse gehören musste. Weder seine Mitschüler noch die Lehrerin bemerkten, dass er sich selbstständig machte.
Ich warf einen kurzen Blick zurück auf den telefonierenden Alexander, und schwebte in Richtung Kind los.
Bei dem Jungen angekommen, sah ich weshalb er sich selbstständig gemacht hatte. Seine weit aufgerissenen Augen beobachteten, wie in der Unterführung ein schmieriger Penner eine junge Frau mit dem Messer bedrohte. Mir blieb keine Zeit die Situation überhaupt richtig zu erfassen, bevor der Kerl ausholte um zuzustechen. Meine antrainierten Reflexe übernahmen die Kontrolle und ich bündelte meine Kräfte. Hoffend, dass die Entfernung zu meinem Ziel nicht zu groß war, verpasste ich dem Angreifer den kräftigsten Stoß, der mir möglich war.
Er kam aus dem Gleichgewicht, doch es reichte nicht ganz aus. Die Klinge in seiner Hand schnitt in den Ärmel der jungen Frau und ließ sie vor Schmerz aufschreien. Völlig überrascht von meinem Eingreifen, konnte sich der Angreifer nicht mehr abfangen und schlug der Länge nach hart auf den Boden.
Andere Passanten wurden aufmerksam und kamen näher. Die junge Frau hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Arm, war aber fürs Erste außer Gefahr.

Mein kurz aufflammender Stolz wurde sofort von einem weiteren Zucken meines Instinkts unterdrückt. Meine Kehle wurde plötzlich staubtrocken. Ich hatte meine Zielperson unbeaufsichtigt zurückgelassen – verdammter Anfängerfehler.
Ich raste so schnell ich konnte die Treppenstufen wieder hoch, kam auf dem Bahnsteig an und hörte den heranbrausenden Zug. Mein Blick suchte Alexander und fand ihn viel zu dicht an der Kante des Bahnsteigs stehend. Dann sah ich die leere Dose direkt neben seinem Fuß. Irgendjemand hatte sie zusammengepresst und weggeworfen.
Alexander wandte sich dem durchfahrenden Zug zu, machte einen Schritt zur Seite und sein Fuß landete auf der Kante der Dose. Ich konnte in Zeitlupe beobachten, wie sein Knöchel umknickte und ihn stolpern ließ.
Ich war noch zu weit weg. Trotzdem bündelte ich erneut meine Kraft und schleuderte sie gegen Alexanders Körper.
Er wurde herumgerissen, doch der Sog des vorbeifahrenden Zugs erfasste ihn und zog sein rechtes Bein näher an die hunderte Tonnen vorbeirauschenden Stahls.
Ich versuchte erneut meine Kräfte einzusetzen, doch mit dem vom Zug erzeugten Windsog konnten sie nicht konkurrieren.
Das Geräusch brechender Knochen drang mir durch den gesamten Körper.
Mein Einsatz hatte verhindert, dass Alexander komplett unter den Zug gezogen worden war, doch sein bis eben noch mattschwarzes Hosenbein sog sich schnell mit dunkelrotem Blut voll.
Ich war endlich bei ihm und während ich meinen dummen Fehler verteufelte, berührte ich ihn mit der Hand an der Schulter.
Der Zug donnerte einfach weiter an uns vorbei, als wäre nichts geschehen. Ich konzentrierte mich auf die Verletzung. Die Schmerzen und gebrochenen Knochen ignorierte ich fürs Erste. Der Schock würde Alexander sicher lange genug betäuben um es für ihn und mich erträglich zu machen. Stattdessen drückte ich mit aller Kraft die verletzten Arterien zusammen, die dafür verantwortlich waren, dass sich der Bahnsteig langsam rot färbte.
Der Zug war endlich vorbeigerattert und die umstehenden Menschen wurden auf Alexander aufmerksam. Gut! – Sie würden den Notarzt rufen. Jetzt musste nur auch ich mir noch Hilfe holen.
Die Blutung hatte ich ausreichend unter Kontrolle um einen Bruchteil meiner Kraft für ein Notsignal erübrigen zu können.
Mir fiel ein, dass Hank heute Notdienst hatte. Allerdings wusste ich nicht, ob ich froh darüber sein sollte, oder ob es die ganze Sache noch schlimmer machte.
Sein Lichtriss öffnete sich beinahe sofort neben mir und ich konnte beobachten, wie Hank hindurchtrat.
„Was zum…?“, wollte er gerade fragen, doch dann erkannte er die Situation und begann sofort mit der Arbeit.
„Ich habs.“, sagte er, „Verschwinde jetzt.“
Ich spürte, wie der Druck nachließ, den die Arterien in Alexanders Bein gegen meine Kräfte richteten. Hank versorgte den Mann jetzt.
Seinen wenig freundlichen Befehl zu verschwinden, nahm ich ihm nicht übel. Schließlich hatte alles was ich wusste, Hank mir beigebracht. Und ich machte immer noch den gleichen Fehler, den er seit Jahren aus meinem Verstand zu löschen versuchte.
Man konnte nicht alle retten.

Erst als ich die Sirenen hörte und die Sanitäter den Bahnsteig entlangeilen sah, konnte ich mich von der Situation losreißen.
Ich öffnete meinen eigenen Lichtriss und verschwand in den Limen.

2

Der Limen nahm für jeden Neuankömmling eine andere Gestalt an. Und jeder versuchte in seine eigene Version etwas hineinzuinterpretieren.
Auch ich fragte mich immer wieder, warum meine Version dieses Ortes, in weiten Teilen einer Grundschule ähnelte.
Dabei war mir die möglicherweise versteckte Bedeutung hinter dieser Tatsache eher egal. Was mich wirklich störte, war das Gefühl, das ich jedes Mal hatte, wenn ich vor Simmons Büro warten musste. – Als ob ich mir einen Schulverweis von meinem Direktor abholen würde.
Ein paar andere Lichtgestalten schwebten im Flur an mir vorrüber. Niemand, den ich wirklich kannte, also nickte ich ihnen nur knapp zu. Sie wussten sicher schon warum ich hier war und ich hatte keine Lust mich mit ein paar Fremden darüber zu unterhalten.
Endlich öffnete sich die Tür und Martha streckte ihren Kopf heraus. Ich hatte sie nie anders gesehen, als die freundliche Sekretärin mittleren Alters, die mich stets mit einem Lächeln begrüßte. Hank hingegen schwor, dass Martha für ihn wie ein kleiner chinesischer Junge aussah. Vielleicht war das aber auch nur ein Scherz, von jemandem, den die große Mehrheit als dicken Texaner mit Cowboyhut wahrnahm.
„Du kannst jetzt durchgehen.“, sagte Martha während sie die Tür ganz öffnete. Mit einem besorgten Blick fügte sie hinzu: „Er wird nicht sehr freundlich sein.“
Natürlich würde Simmons nicht freundlich sein. Er war nie freundlich. Aber wenn Martha sich schon zu solch einer Warnung hinreisen ließ, dann konnte ich mich schon mal darauf einstellen ein vor Wut verwüstetes Büro vorzufinden.
Ich ging durch Marthas Vorzimmer. Sie sah nochmal kurz von ihrem Schreibtisch auf um mir einen aufmunternden Blick zuzuwerfen und dann stand ich vor der großen grünen Tür mit der schlichten Aufschrift: „Simmons“
Ich atmete tief durch, klopfte sanft mit den Knöcheln dagegen und drückte die Türklinke nach unten.
Es sah sogar noch schlimmer in dem Zimmer aus als ich erwartet hatte.
Für gewöhnlich lehnten an den Wänden zwei Bücherregale, die jedoch mehr Miniaturmodelle von Autos als Bücher enthielten. Die meisten der Autos wiesen abgeplatzte Ecken und abgebrochene Außenspiegel auf, wo ihr cholerischer Besitzer sie gegen eine Wand geworfen hatte.
Selbst das Segelschiffbild an der Wand hatte einen großen Riss im Glas, der quer über die ansonsten friedliche Szenerie verlief. Vermutlich war eines der Autos genau hier eingeschlagen.
Natürlich wusste ich, dass das Aussehen des Raumes einzig und allein auf meine Vorstellung, wie er auszusehen hatte, zurückging. Für die meisten anderen Lichtwesen befand ich mich schließlich nicht in dem Büro eines Schuldirektors sondern in dem eines Polizeichefs.
Simmons stand hinter seinem Schreibtisch und hatte mir den Rücken zugewandt. Ohne sein Gesicht zu sehen, wusste ich, dass sein Blick ruhelos die Landschaft hinter dem Fenster durchkämmte.
Simmons war der älteste Bewohner des Limens. Niemand war lange genug hier um überhaupt zu wissen, wann er angekommen war. Das wirklich erstaunliche war jedoch, dass er das einzige Lichtwesen war, das für jeden gleich aussah.
Dunkelgrauer, fast schwarzer Anzug mit weißem Hemd, aber ohne Krawatte. So kurzgeschorenes graues Stoppelhaar, dass man sich fragte, wie es seine Glatze überhaupt noch verstecken konnte und einen dicken Schnauzer in seinem kantigen Gesicht.
Niemand konnte sich erklären, warum man den Limen und seine Bewohner unterschiedlich wahrnahm. Doch noch viel weniger wusste jemand darüber bescheid, warum Simmons der Einzige war, bei dem noch nie jemand auch nur die Augenfarbe anders als dunkelbraun beschrieben hatte.

„Wie viele Visionen hattest du schon Jenna?“
Seine Stimme klang völlig teilnahmslos als er mich das fragte. Trotzdem musste ich kurz schlucken bevor ich seinem breiten Rücken antworten konnte.
„Vier.“
Ich wollte nicht weitersprechen, doch als von Simmons keine Reaktion kam, stotterte meine Stimme los:
„Ich konnte sie alle retten. Alle bis auf…“
Ich hasste es wenn meine Stimme versagte.
Simmons nickte leicht und während er sich umdrehte sagte er:
„Niemand rettet den Ersten.“
Ich wusste, dass er recht hatte. Und ich wusste, dass es nicht meine Schuld gewesen war. Hank hatte mir das oft genug gesagt.
Trotzdem hasste ich Simmons dafür, dass er es ausgesprochen hatte.
Beim ersten Mal war es völlig unmöglich die Vision zu erkennen und sie vom restlichen Traum zu isolieren. Erst im Augenblick des Déjà-vus spürt man das Kribbeln. Das Kitzeln im eigenen Verstand, von dem die meisten glaubten, dass es Neurone des Gehirns waren, die sich zu einem neuen Sinnesorgan verbanden.
Meiner Meinung nach war das Blödsinn.
Wir besaßen weder feste Körper noch Neuronen, die sich miteinander verbinden konnten.
Die Entstehung der Visionen und warum man sie erst beim zweiten Mal zu erkennen begann, war Teil des gleichen Mysteriums wie der Limen selbst.
„Alexander war meine zweite Vision.“, sagte Simmons.
Er stand mir inzwischen hinter seinem Schreibtisch gegenüber und seine hin und her wandernden Augen suchten nach einer Reaktion meiner Gesichtszüge auf seine Worte.
„Aber…“, setzte ich an, doch er hob eine Hand zu einer abwehrenden Geste und unterbrach mich.
„Er war der erste Mensch, den ich gerettet habe.“
Ich war mir nicht sicher, doch ich glaubte für einen kurzen Augenblick hinter seinem dicken Schnauzer ein stolzes Lächeln zu sehen.
„Das war vor zwanzig Jahren.“, fuhr Simmons fort.
Sein Blick war für einen kurzen Moment abwesend – in Erinnerungen versunken. Und auch ich brauchte einen Moment um zu begreifen. Simmons war seit über zwanzig Jahren im Limen und noch immer bei klarem Verstand. – Bemerkenswert.
„Seitdem lasse ich Alexander rund um die Uhr beschützen. Er war die letzten zwanzig Jahre keinen einzigen Augenblick allein.“
Simmons Stimme war ernster geworden. Trotzdem riskierte ich es, die Frage zu stellen, die mich seit ich zum ersten Mal von der rund um die Uhr Überwachung Alexanders erfahren hatte, so brennend interessierte.
„Wieso er?“
Simmons musterte mich einen Moment abschätzend, antwortete dann aber.
„Wie lange dauern deine Visionen?“
Ich verstand nicht sofort und kam einen Moment ins Stocken bevor ich antwortete: „Ich denke so lange wie die aller anderen auch. Ich sehe zwei oder drei Minuten aus dem Leben der Person, die gleich verunglücken wird. Um es zu verhindern, muss ich mir dann aus den einzelnen Puzzleteilen zusammenbasteln, wo und wann die Vision spielt.“
Simmons nickte.
„Ich habe Alexander innerhalb einer meiner Visionen sterben sehen.“
Bevor ich fragen konnte, was daran ungewöhnlich sein sollte, fuhr Simmons fort.
„Ich habe gesehen, wie er als kleiner Junge von einem rasenden Autofahrer mitgeschleift wurde. Ein dutzend verschiedene Tode als Soldat. Ein Zugunglück, ein untergehendes Kreuzfahrtschiff.“
Simmons Stimme wurde bei dieser Aufzählung immer leiser und glich fast nur noch einem Flüstern als er sagte: „Ich habe gesehen, wie Attentate auf ihn verübt wurden. Kugeln, die ihn durchbohrten während er als Politiker für eine Zukunft der Menschheit kämpfte, die sich die Wenigsten von uns überhaupt vorstellen können.“
Mir lief ein Schauder über den Rücken. Ich kannte ein paar der Szenen aus Erzählungen von anderen Lichtgestalten. Das Zugunglück von dem Simmons sprach hatte sich letztes Jahr ereignet. Jeder, der im Zug gesessen hatte war tot. Es war Hank gewesen, der Alexander damals hatte zu spät kommen lassen.
Doch Simmons Vision ging weiter.
„Ich habe ihn sterben sehen, während die letzten Atombomben abgerüstet wurden. Bei Konferenzen über weltweit offene Grenzen.“
Simmons stellte ein Automodell, das er die ganze Zeit über in seiner Hand zusammengepresst hatte, auf den Schreibtisch, bevor er sagte:
„Und ich habe ihn an Altersschwäche sterben sehen. In einem Krankenhausbett, umgeben von seiner Familie und mit tausenden von Anhängern vor seinem Fenster.“
Die nächste Minute saßen wir uns beide schweigend gegenüber. Ich wusste, dass ich Simmons immer noch nicht wirklich verstand. Doch sein Vortrag hatte mir vieles geliefert, worüber ich in Ruhe nachdenken musste.
Den längsten Abschnitt aus dem Leben eines Menschen hatte ich – wie alle Lichtwesen – nach dem Scheitern meiner ersten Vision erlebt. In dem Augenblick, in dem der Tod der Zielperson unvermeidlich war, sah man Ausschnitte aus ihrem Leben – wie es verlaufen wäre, hätte man sie beschützt. Es waren diese Bilder, die uns antrieben, nie mehr als einmal zu versagen. Wer die traurigen Kindergeburtstage eines Halbwaisen miterlebte, tat alles um das nächste Mal den Vater oder die Mutter zu retten.
Simmons Vision musste etwas sehr Ähnliches gewesen sein. Allerdings hatte er seinen Auftrag erfüllt – Alexander lebte schließlich noch. Zumindest hoffte ich das.
Jetzt, wo ich wusste was meine Unachtsamkeit wirklich ausgelöst hatte, fühlte ich mich noch schlechter als zuvor. Alexanders Leben zu retten bedeutete etwas weit Wichtigeres als mich einfach nur vor Ausschnitten seines Lebens zu schützen, die er nicht mehr erleben würde.
„Tut mir leid?“, flüsterte ich und spürte dabei ein Kratzen in meinem trockenen Hals.
Simmons Gesichtszüge zeigten jedoch keinerlei Reaktion auf meine Entschuldigung. Stattdessen sagte er: „Andrej ist heute morgen zu einem der Alten geworden.“
Das Kratzen in meinem Hals verwandelte sich schlagartig in das Gefühl als würde ich Sand gurgeln. Nicht nur weil ich Andrej gemocht hatte, sondern auch weil ich vermutete, was jetzt kommen würde.
„Wir müssen Alexander wieder zurück auf seinen ursprünglichen Weg bringen.“
Ich nickte zustimmend, auch wenn ich wusste, dass Simmons das vermutlich egal war.
„Mit Andrejs Ausscheiden gehört Hank jetzt zu den Erfahrendsten von uns.“
Es war normalerweise schwer Gefühle aus Simmons Gesichtszügen zu deuten, aber wenn er über Hank sprach war seine Abneigung schon immer deutlich gewesen. Vielleicht war das auch einer der Gründe, warum ich Hank von Anfang an gemocht hatte.
„Hank wird Alexander während seiner Reha schützen und versuchen den angerichteten Schaden zu minimieren.“
Simmons nickte während er redete, als würde er sich seine Entscheidung selbst bestätigen, machte sich auf einem kleinen Zettel eine Notiz und zeigte dann mit seinem Füllfederhalter auf mich.
„Du wirst während der Zeit seine zweite Schicht sein.“
Ich musste mich zurückhalten um nicht laut zu fluchen. Was Simmons gerade getan hatte, war mit einer Rückstufung aus der Abschlussklasse zu den Grundschülern zu vergleichen . Ich war wirklich gut darin gewesen Menschen zu beschützen. Und mein erster kleiner Fehler wurde damit bestraft, dass ich als Ersatzspielerin dabei zusehen durfte, wie Alexander Krankengymnastik machen würde.
„Du darfst jetzt gehen.“, sagte Simmons in einem Ton, der zu verstehen gab, dass es nicht unbedingt eine freiwillige Entscheidung meinerseits war, sein Büro auf der Stelle zu verlassen.
Ich schluckte meinen Ärger hinunter, stand auf und ging auf die Tür zu.
„Jenna?“, sagte Simmons in einem Ton, der mich jetzt schon ahnen ließ, dass er sich den größten Kracher meiner Strafe für den Schluss aufgehoben hatte.
„Ich erwarte jede Woche deinen persönlichen Bericht zu Alexanders Fortschritten.“
Ich zwang mich zu nicken. Er würde mir also ganz genau auf die Finger schauen. Das war zwar äußerst unangenehm, aber ich konnte damit leben.
Als ich gerade die Tür hinter mir schließen wollte, folgte dann jedoch das, wovor ich wirklich Angst gehabt hatte.
„Und informier doch bitte Hank von seinem Aufgabenwechsel. Er wird sich ab sofort ausschließlich um Alexander kümmern.“
Ich musste mich nicht nochmal umdrehen um Simmons selbstzufriedenes Grinsen vor mir zu sehen.
Meine Strafe bestand also nicht nur aus meiner eigenen Degradierung. Ich durfte meinem Mentor auch gleich noch unter die Nase reiben, dass ich ihn mit in die Scheiße geritten hatte.
Großartig!

*

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